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KI als Turbo – Ist unser Gehirn dem gewachsen?

Der Klassiker im Moment: Du öffnest ein KI-Tool, willst kurz etwas ausprobieren, und plötzlich sind 2 Stunden weg. Das Ergebnis? Nicht wirklich das, was du dir vorgestellt hast. Du bist genervt, leicht erschöpft und fragst dich, ob sich der Aufwand überhaupt gelohnt hat.

Ich gebe zu, dass mir das auch schon mehr als einmal passiert ist. Lange Zeit war ich mit ChatGPT in der Plus-Variante unterwegs. Wir haben uns oft sehr lange über Themen «unterhalten» und Entwürfe für Texte oder Bilder hin- und hergewälzt. Aber egal, wie gut meine Anweisungen waren, immer wieder war ich enttäuscht über die Qualität. Oft wollte ich in der Zeit auch etwas anderes machen, kam aber irgendwie aus diesem Rabbit Hole nicht wieder raus.

Ich erzähle das nicht, um KI schlecht zu reden. Ich bin überzeugt: KI ist nicht das Problem. Unser Umgang damit ist es. Aber genau deshalb müssen wir hinschauen, und zwar jetzt, bevor wir einfach laufen lassen, was bereits läuft.

Aber beginnen wir vorne…

Jäger-Sammler-Gehirn trifft auf KI-Geschwindigkeit

Stell dir vor, du nimmst jemanden aus der Steinzeit und setzt ihn in ein modernes Open-Space-Büro, stattest ihn mit Chat-Funktionen, E-Mail Software und KI-Assistenten aus und lässt ihn dann später noch einen Videocall machen. Klingt absurd? Biologisch gesehen ist genau das unsere Realität.

Unser Gehirn ist morphologisch noch auf dem Stand eines Jägers und Sammlers. Es ist ausgelegt auf fokussierte Aufmerksamkeit, klare Reize und überschaubare Entscheidungen. Was wir ihm heute zumuten, ist das genaue Gegenteil: Eine permanente Flut aus Impulsen, Entscheidungen und Anforderungen. KI beschleunigt diesen Prozess weiter.

Fachleute sprechen von kognitiver Überlastung, dem Missverhältnis zwischen unserer Aufmerksamkeitskapazität und den Anforderungen, die täglich auf uns einprasseln. Wenn dieses Missverhältnis chronisch wird, hat das einen Namen: Technostress. Und das ist keine Befindlichkeit, sondern ein messbares Phänomen, also nachweisbar und inzwischen weit verbreitet.

Was das mit unserem Nervensystem macht

Unser Nervensystem braucht Rhythmus. Konkret einen gesunden Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Anspannung ist nicht das Problem, sie ist sogar notwendig. Das Problem entsteht, wenn wir nicht mehr aus ihr herausfinden.

Genau das passiert, wenn wir zu lange und zu intensiv digitalen Reizen ausgesetzt sind. Wer kennt das nicht vom Social-Media-Scrollen: Man wollte «nur kurz mal schauen», und plötzlich ist eine Stunde weg. Danach fühlt man sich seltsam leer und gleichzeitig aufgedreht. Das ist kein Zufall. Jeder neue Post, jede Benachrichtigung, jedes KI-generierte Ergebnis löst eine kleine Stressreaktion aus, die das Nervensystem in der Aktivierung – dem sogenannten Sympathikotonus – hält.

KI verstärkt diesen Effekt auf eine besondere Art: Sie ist nicht nur schneller und verfügbarer als jedes Tool davor, sie macht uns auch permanent erreichbar. Die Grenze zwischen Arbeitszeit und Erholung verschwimmt, weil das nächste To-do, die nächste Anfrage, das nächste KI-generierte Ergebnis immer nur einen Klick entfernt ist. Fachleute sprechen hier von Techno-Invasion, dem Eindringen digitaler Anforderungen in alle Lebensbereiche.

Das Nervensystem bekommt so fast keine Pause mehr, weil es kein «Abschalten» gibt. Und ohne echte Erholung schleicht sich die Erschöpfung ein, lange bevor wir sie bewusst wahrnehmen.

Erschöpfter Mann schaut einen Bildschirm, in dem ein KI-Chat zu sehen ist.

Die Zahlen, die wir nicht ignorieren sollten

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. 58 % der Angestellten fürchten, durch KI ihren Job zu verlieren. Gleichzeitig berichten 60 % von ernsthaftem Stress und Burnout-Gefahr durch den KI-Einsatz am Arbeitsplatz. Und dazu kommt ein weiterer Stressfaktor, der oft unterschätzt wird: der Druck, ständig neue Tools erlernen zu müssen. Wer das Gefühl hat, nicht mithalten zu können, entwickelt Versagensängste, lange bevor er überhaupt gescheitert ist.

Obwohl immer mehr Menschen KI-Tools nutzen, fragen sie sich zunehmend: Bin ich damit noch relevant? Kann ich damit Schritt halten? Das ist kein Widerspruch, das ist ein Warnsignal.

Und es gibt einen statistisch belegten Zusammenhang zwischen KI-bedingtem Technostress und Symptomen von Angst und Depression. Studien wie jene von Lițan (2025) oder Kim und Lee (2024) zeigen diese Korrelation deutlich. Wichtig zu verstehen: Die Forschung belegt bisher Zusammenhänge, keine bewiesene Kausalität. Das bedeutet nicht, dass wir das ignorieren sollten. Es bedeutet, dass wir es ernst nehmen und gleichzeitig differenziert bleiben.

Interessant ist dabei die Gegenperspektive: Eine deutsche Längsschnittstudie über 20 Jahre fand keine nennenswerten negativen Auswirkungen von KI-Exposition auf die psychische Gesundheit. KI ist also kein eindimensionales Problem. Es kommt darauf an, wie, wo und unter welchen Bedingungen sie eingesetzt wird.

Neue Phänomene, die wir kennen sollten

Zwei Begriffe, die mir in der aktuellen Forschung aufgefallen sind, und die ich für wichtig halte, weil sie zeigen, was unter der Oberfläche passiert:

Quiet Cracking: Beschäftigte, die nach aussen engagiert wirken, innerlich aber bereits ausgebrannt sind. Keine lauten Signale, kein offensichtlicher Rückzug, nur eine stille Erosion. Wer genau hinschaut, sieht es. Die meisten schauen nicht hin.

Job-Hugging: Arbeitnehmende, die aus Unsicherheit bei ihrem Arbeitgeber bleiben, nicht aus Überzeugung, sondern weil sie ihrer eigenen Rolle in einer KI-geprägten Zukunft misstrauen. Sie klammern sich an etwas, von dem sie nicht wissen, ob es morgen noch existiert.

Beides sind keine Randphänomene. Beides passiert gerade, in vielen Unternehmen, möglicherweise auch in deinem.

In diesem Zusammenhang sind Führungskräfte besonders gefordert. Sie müssen nah genug an den Mitarbeitenden sein, um solche Effekte wahrzunehmen und gegenzusteuern. Es ist ein Fakt, dass sich viele Aufgaben in Zukunft verändern werden. Echte Leadership bedeutet zum einen, hier selbst mutig voranzugehen, und zum anderen für die Mitarbeitenden da zu sein, auch, wenn man als Führungsperson noch nicht alle Antworten hat.

Die Kluft, die niemand sehen will

Hier wird es für mich besonders brisant.

58 % der Angestellten fürchten, durch KI ihren Job zu verlieren. Nur 29 % der Vorstände ahnen, dass ihre Mitarbeitenden diese Angst haben. Fast niemand redet darüber. Und die Organisation läuft trotzdem einfach weiter.

Das ist keine Kommunikationslücke. Das ist eine Vertrauenskrise in Zeitlupe.

Und das Paradoxe daran: Führungskräfte fürchten den Jobverlust durch KI oft sogar stärker als ihre eigenen Mitarbeitenden, 65 % gegenüber 36 %. Alle haben Angst. Aber nur selten spricht sie jemand aus. Und genau das ist das Problem.

Auch hier kommt der Führung wieder eine besondere Rolle zu. Denn jede Führungskraft hat ebenfalls eine:n Vorgesetzte:n, die Orientierung geben muss. Ansonsten fühlen sich Leader «im Sandwich» mit ihrer Verantwortung allein gelassen. Das sind keine guten Voraussetzungen für die mentale Gesundheit. Die Gefahr, dass sich Führungskräfte mental überfordert fühlen, steigt immer mehr.

Was wirklich schützt: Selbstwirksamkeit

Die gute Nachricht lautet: Das entscheidende Gegenmittel ist nicht mehr Technologie. Es ist Vertrauen. Konkret das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit KI umgehen zu können und sie zu erlernen.

Studien zeigen, dass dieses Vertrauen, die sogenannte AI-Selbstwirksamkeit, den Zusammenhang zwischen KI-Einführung und Jobstress massiv abschwächt. Menschen, die glauben, dass sie es lernen können, erleben deutlich weniger Unsicherheit. Das Schutzschild selbst ist nicht Expertise. Es ist die Überzeugung, dass man Expertise aufbauen kann und auch in Zukunft mit seinen Fähigkeiten als Mensch relevant bleibt.

Und jetzt der Haken: Gemäss der von mir ausgewerteten Studien bieten tatsächlich nur 5 % der Unternehmen* aktuell umfassende KI-Schulungen an. Gleichzeitig wären aber 94 % der Mitarbeitenden bereit, diese Skills zu erlernen.

Wir haben also hungrige Menschen und leere Teller, was weder für die Mitarbeitenden noch die Unternehmen sinnvoll ist.

Was das alles für Führung bedeutet

KI kann uns Zeit schenken. Echte Zeit für Gespräche, für Zuhören, für die Momente, in denen Menschen spüren, dass sie gesehen werden. Aber das passiert nicht von alleine. Jemand muss sich bewusst dafür entscheiden.

Führung in einer KI-geprägten Welt bedeutet nicht, die beste KI-Strategie zu haben. Es bedeutet, eine Kultur zu schaffen, in der Menschen sich sicher genug fühlen, um ehrlich zu sagen: Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich fühle mich verunsichert. Ich bin überfordert.

Wer als Führungskraft glaubt, dass solche Sätze Schwäche signalisieren, hat nicht verstanden, dass psychologische Sicherheit kein Nice-to-have ist. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich darauf einlassen, Neues zu lernen und Veränderung mitzutragen.

Dazu kommt: Auch Führungskräfte stecken oft selbst im Dilemma. Sie tragen Verantwortung nach unten, bekommen aber von oben zu wenig Orientierung. Dieses Sandwich-Gefühl ist real und es ist eine unterschätzte Gefahr für die mentale Gesundheit von Führungspersonen. Wer andere führen soll, braucht selbst einen festen Stand.

Meine klare Haltung dazu: Wer als Führungskraft das Gespräch über KI vermeidet, überlässt das Feld der Unsicherheit. Und Unsicherheit füllt sich immer, wenn niemand das Vakuum mit Klarheit füllt.

Was du selbst ab sofort tun kannst, als Führungskraft oder Mitarbeitende:r

KI ist nicht das Problem. Unser Umgang damit ist es. Aber das ist eigentlich eine gute Nachricht, denn dieser Umgang ist erlernbar.

Ein paar Impulse aus meiner eigenen Erfahrung:

Tausche dich mit anderen aus. Es ist wichtig, offen über Überforderung und auch über Unsicherheit zu sprechen. Je länger wir diese Gefühle in uns aufstauen, desto grösser die Gefahr, dass unser Körper mit Stresssymptomen wie Kopf-/Nacken-/Rückenschmerzen oder auch innerer Unruhe oder Verdauungsproblemen reagiert.

Gewonnene Zeit bewusst nutzen. KI kann uns pro Woche mehrere Stunden schenken. Die Frage ist, was wir damit machen. Wer diese Zeit sofort mit neuen Aufgaben füllt, hat nichts gewonnen. Investiere dies gewonnene Zeit in die Regulation deines Nervensystems. D.h. gönne dir echte Pausen ohne digitale Reize. Verbringe die Zeit mit Familien / Freunden oder in der Natur.

Setze Grenzen, bevor die KI sie setzt. Definiere bewusst, wofür du KI nutzt und wofür nicht. Nicht als Dogma, sondern als Entscheidung, die du aktiv triffst. Es gibt tolle Anwendungsmöglichkeiten, aber sich alles von KI abnehmen zu lassen, ist keine gute Idee, da wir unser eigenes Wissen längerfristig verlieren.

Das Rabbit Hole erkennen. Überlege dir vorher, wie lange du in die Bearbeitung dieser Aufgabe investieren möchtest. Und stelle dann den Timer ein. Den Stand, den du bei Ablauf erreicht hast, sicherst du. So beginnst beim nächsten Mal frisch, aber nicht von vorne. Aus meiner persönlichen Erfahrung führt dieses Vorgehen sogar häufig zu besseren Ergebnissen.

Kompetenz aufbauen, nicht nur konsumieren. Wer KI nur benutzt, ohne sie zu verstehen, bleibt abhängig. Wer lernt, wie sie funktioniert, gewinnt Handlungsfähigkeit zurück. Schau also, dass du lernst, KI richtig anzuwenden und ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Prüfe auch die angegebenen Quellen. Denn oft steht gar nicht drin, was zitiert wurde.

Mit Unterstützung von KI generierte Grafik, welche die wichtigsten Botschaften aus dem Blogartikel zusammenfasst
Diese Grafik wurde von NotebookLM auf Basis der unter dem Artikel angegebenen Quellen generiert.

Mein Fazit

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir immer eine Wahl haben: Wir können es einfach laufen lassen und hoffen, dass sich alles irgendwie einpendelt. Oder wir können bewusst entscheiden, wie wir mit der neuen Realität umgehen, als Führungskräfte, als Teams, als Menschen.

Unser Gehirn war ursprünglich nicht für dieses Tempo gedacht. Und genau deshalb brauchen wir auch keine schnelleren Menschen. Wir brauchen klügere Strukturen, ehrlichere Gespräche und Führungskräfte, die Fürsorge als Stärke verstehen.

Wie erlebst du KI in deinem Arbeitsalltag? Eher als Entlastung von Routineaufgaben, als Stressfaktor oder beides? Ich freue mich auf deine Perspektive in den Kommentaren.

Und wenn du eine Führungskraft bist, kannst du hier weiterlesen.


* Für die Studie mit dem Titel „What work can become in the era of Generative AI“ hat Accenture eine spezifische Gruppe von Unternehmen und Führungskräften weltweit befragt. Die untersuchten Unternehmen lassen sich durch folgende Merkmale charakterisieren: Jahresumsatz über einer Milliarde US-Dollar, Hauptsitz in 19 verschiedenen Nationen (darunter die Schweiz), Branchenvielfalt über 24 Sektoren (u.a. Finanzdienstleistungen, Hightech, Detailhandel, Software & Plattformen). Insgesamt nahmen 7.000 C-Level-Executives sowie 5.000 Mitarbeitende teil.

Dieser Blogartikel ist mit Unterstützung bei Recherche und Strukturierung von NotebookLM und Claude auf Basis der folgenden Quellen entstanden:

  1. ManpowerGroup Deutschland GmbH (2026): „AI Confidence Gap: KI-Nutzung steigt, aber Beschäftigte verlieren das Vertrauen in die eigene Kompetenz“. Basierend auf dem Global Talent Barometer 2026.
  2. Accenture (2024): „What work can become in the era of Generative AI“. Veröffentlicht unter dem Titel „Angestellte und Arbeitgeber sehen Einfluss von KI sehr unterschiedlich“ in der Netzwoche.
  3. Giuntella, O., König, J. & Stella, L. (2025): „Artificial intelligence and the wellbeing of workers“. Erschienen in Scientific Reports, Volume 15, Artikelnummer 20087.
  4. Lițan, Daniela-Elena (2025): „Mental health in the ‚era‘ of artificial intelligence: technostress and the perceived impact on anxiety and depressive disorders—an SEM analysis“. Erschienen in Frontiers in Psychology, Volume 16.
  5. Stajkovic, Alexander D. & Stajkovic, Kayla S. (2025): „Human Sustainability and Cognitive Overload at Work: The Psychological Cost of Working“. Erschienen bei Routledge.
  6. Pronova BKK (2025): „Studie Arbeiten 2025″. Untersuchung zu Stress, Gesundheit, KI-Nutzung und Zukunftsängsten am Arbeitsplatz.
  7. Kim, Byung-Jik & Lee, Julak (2024): „The mental health implications of artificial intelligence adoption: the crucial role of self-efficacy“. Erschienen in Humanities and Social Sciences Communications, Volume 11, Artikelnummer 1561.

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Yvonne Lange

Ayurveda, Yoga und Achtsamkeit

Hallo, ich bin Yvonne, Ayurveda Expertin & Yogalehrerin. Auf meinem Blog findest Du lehrreiche Impulse zu Ayurveda, Achtsamkeit und Yoga sowie Links auf meine verschiedenen YouTube Videos, so dass Du jederzeit mit mir ganz unkompliziert Yoga, Meditation und Atemübungen praktizieren kannst.

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