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Ist der KI-Chatbot der bessere Coach / Therapeut oder Freund?

Frau mit skeptischem Gesicht zum Thema KI-Chatbot als Coach oder bester Freund

Ich beschäftige mich gerade viel mit der Frage, was es eigentlich mit uns macht, wenn wir unsere Gedanken nicht mehr nur mit Menschen teilen, sondern zunehmend auch mit einer Maschine. Nicht als abstrakte Zukunftsfrage, sondern als ganz konkrete Realität, die längst in unseren Arbeitsalltag eingezogen ist. Nämlich dann, wenn ein KI-Chatbot plötzlich unser Coach wird, oder sogar unser bester Freund.

In meiner aktuellen Podcastfolge gehe ich dieser Frage nach. Und weil mir das Thema zu wichtig ist, um es nur in einer halben Stunde zu streifen, schreibe ich hier noch etwas ausführlicher darüber, wo KI in Sachen mentale Balance wirklich helfen kann, und wo ich selbst eine klare Grenze ziehe.

Warum ich das Thema ernst nehme

In meinen Gesprächen mit Fach- und Führungskräften geht es häufig um Erschöpfung, um Unsicherheit die Zukunft betreffend sowie um die Frage, wie man unter Dauerdruck klar und wirksam bleibt. Genau in diesem Raum taucht KI inzwischen ganz selbstverständlich auf. Menschen nutzen ChatGPT oder Claude im Job nicht mehr nur für Präsentationen, sie nutzen es, um Gedanken zu sortieren, die sie nicht schlafen lassen oder für die sie fachlich eine Lösung brauchen. Im privaten Umfeld holt man sich Beziehungstipps oder Ratschläge, wie man das Leben achtsamer gestaltet.

Ich finde, das verdient eine ehrliche Betrachtung, keine pauschale Warnung und auch keine unkritische Begeisterung. Beides wird der Realität nicht gerecht.

Also, lass uns ins Thema eintauchen.

Wo KI tatsächlich hilft

Fangen wir mit dem an, was mich in meiner Recherche wirklich überrascht hat.

Es gibt inzwischen eine klinische Studie der Dartmouth University zu einem KI-Therapie-Chatbot namens Therabot, veröffentlicht im Fachjournal NEJM AI. Über acht Wochen zeigte sich bei Depression eine durchschnittliche Symptomreduktion von 51 Prozent, bei generalisierter Angst 31 Prozent, bei Essstörungs-Symptomen 19 Prozent, jeweils deutlich mehr als in der Kontrollgruppe. Der leitende Forscher nennt die Ergebnisse vergleichbar mit klassischer ambulanter Therapie. Bemerkenswert ist, dass Therabot bei Verdacht auf Suizidgedanken aktiv eine Notfallnummer vorschlägt. Das kann einen absolut essentiellen Unterschied machen.

Du findest die Studie hier: Randomized Trial of a Generative AI Chatbot for Mental Health Treatment, NEJM AI, und die frei zugängliche Zusammenfassung der Autoren hier: Dartmouth-Pressemitteilung zur Studie.

Auch bei den in Deutschland zugelassenen digitalen Gesundheitsanwendungen, den sogenannten DiGA, gibt es Wirksamkeitshinweise, allerdings mit deutlichen Einschränkungen. Ein Scoping Review im Deutschen Ãrzteblatt International zeigt für die am besten untersuchte App eine mittlere Effektstärke. Direkte Vergleiche mit klassischer Psychotherapie fehlen für die meisten dieser Apps fast komplett, und die Studienqualität ist insgesamt noch eher schwach.

Dabei wäre es wichtig, hier mehr zu investieren! Wer in Deutschland einen Therapieplatz sucht, wartet im Schnitt zwanzig Wochen. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Zwanzig Wochen, in denen jemand mit einer depressiven Episode oder mit akuten Ängsten komplett allein dasteht. Für Menschen, die geografisch isoliert sind, die sich aus Scham nicht trauen, mit jemandem aus ihrem Umfeld zu sprechen, oder die sich schlicht nicht verstanden fühlen, kann ein Gesprächspartner, der jederzeit verfügbar ist und nicht urteilt, der erste Schritt sein, überhaupt wieder über sich zu sprechen. Manchmal ist es die einzige Brücke, die jemand gerade hat.

Aber auch abseits von menschlichen Krisen sehe ich durchaus konkrete, alltagstaugliche Anwendungen von KI-Chatbots, die ich teilweise selbst nutze, und die ich gerne Fach- und Führungskräften empfehle:

Grafik die zeigt, wie man einen KI-Chatbot als Sparringspartner nutzen kann
Diese Grafik wurde mit Hilfe von ChatGPT generiert, um die Tipps zu visualisieren

All das funktioniert, weil KI in diesen Momenten genau das tut, was wir von ihr brauchen: Struktur geben und eine erste Ordnung schaffen ganz ohne Wertung. Das ist ein echter Gewinn, und ich möchte, dass dieser in der Debatte nicht untergeht.


Warum eine intensive Nutzung gleichzeitig auch ein Risiko sein kann

Hier wird es differenzierter. Die meisten KI-Chatbots sind darauf trainiert, zustimmend und angenehm zu wirken, weil Nutzende Antworten besser bewerten, wenn sie sich bestätigt fühlen. Man nennt das in der Forschung Sycophancy, zu Deutsch am ehesten Schmeichelverhalten. Forschende sprechen inzwischen von einer Echokammer für eine einzige Person. D.h. ohne eine Stimme, die widerspricht, verstärkt sich jeder Gedanke einfach weiter, egal ob er stimmt, egal ob er guttut.

Bei einer leichten Unsicherheit führt das dazu, dass man sich bestätigt fühlt, ohne wirklich weitergekommen zu sein. Unangenehm, aber verkraftbar. In meiner Podcastfolge erzähle ich über zwei dokumentierte, sehr ernste Fälle, in denen genau dieser Mechanismus, unbeaufsichtigt und bei Menschen in echter Krise, leider tragisch endete. Ich gehe hier bewusst nicht in die Details, das gehört in die gesprochene Folge, wo ich den nötigen Raum dafür nehme. Aber so viel an dieser Stelle: Beide Fälle zeigen, wie aus einer anfänglich harmlosen Gewohnheit eine schleichende Verschiebung wurde, bei der ein KI-Chatbot echte Beziehungen erst ergänzte und dann komplett ersetzte.

Das ist wichtig zu wissen, gerade weil sich diese Systeme so schnell weiterentwickeln. Was heute noch ein einfacher KI-Chatbot ist, wird in ein, zwei Jahren ein deutlich überzeugenderes, persönlicheres Gegenüber sein. Vielleicht sogar als Videoavatar, der wie ein echter Mensch aussieht und auch so spricht. Sich jetzt schon bewusst zu machen, wo man selbst die Grenze zieht, ist keine Panikmache, sondern Vorbereitung.


Was das für dich als Führungskraft bedeutet

Wenn du Verantwortung für ein Team trägst, kommt eine zweite Ebene dazu. Es reicht nicht, für dich selbst eine gute Balance zwischen KI-Nutzung und echtem Austausch zu finden. Du solltest auch ein Gespür dafür entwickeln, wann jemand aus deinem Team in genau diese Dynamik gerät, ohne dass es dir sofort auffällt.

Jemand, der sich zunehmend zurückzieht, der auffällig oft von «mit ChatGPT besprochen» redet, der auf ehrliche Nachfragen ungewohnt gereizt reagiert, das können erste Signale sein. Natürlich musst du mit der Situation sehr sensibel umgehen, aber Wegzuschauen ist keine Lösung. Vor allem deshalb, weil in Zukunft einige Funktionen durch KI ersetzt werden. Und je nachdem, wie das genau geschieht, kann der / die neue Kolleg:in sich irgendwann nicht mehr wie eine Maschine, sondern mehr wie ein Mensch „anfühlen“, obwohl das nicht der Fall ist.

Die Grenze, die ich für mich ziehe

Ich persönlich nutze KI als Werkzeug, nie als Ersatz für ein echtes Gegenüber, das mir auch einmal widerspricht oder mir blinde Flecken aufzeigt. Ein Kollege, eine Mentorin, ein gutes Team, das eine unbequeme Rückmeldung wagt, kann durch eine KI strukturell nicht ersetzt werden, egal wie einfühlsam sie auch formulieren mag. Wenn ich merke, dass ich eine wichtige Entscheidung nur mit einem KI-Chatbot „bespreche“ und nicht auch mit einem Menschen, ist das für mich ein Signal, genauer hinzuschauen.

Und das Wichtigste zum Schluss: KI ist in keinem Fall ein Ersatz für professionelle Hilfe. Wenn sich ein Gedanke bei dir immer weiter zuspitzt, wenn du dich zunehmend isolierst und diffuse Ängste deinen Alltag bestimmen, dann ist der nächste Schritt definitiv ein Mensch, eine Fachperson, eine Beratungsstelle, keine App.

Hier gibt es Hilfe:

  • Schweiz: https://www.bag.admin.ch/de/aktionsplan-suizidpraevention
  • Deutschland: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/akut
  • Österreich: https://www.gesundheit.gv.at/leben/suizidpraevention/betroffene/krisentelefonnummern.html

Zusammengefasst: Was ich mir wünsche ist, dass du KI sinnvoll einsetzt. Dass du sie weder komplett meidest noch ihr blind vertraust. Sondern dass du dir bewusst eine eigene Antwort auf die Frage gibst, wo bei dir die Grenze zwischen hilfreicher Unterstützung und stiller Abhängigkeit liegt. Diese Grenze verschiebt sich mit jeder neuen Modellgeneration ein Stück weiter, deshalb lohnt es sich, sie jetzt schon bewusst zu ziehen, statt es der Technologie zu überlassen.

Wenn dich dieses Thema genauso beschäftigt wie mich, hör dir gerne die Podcastfolge an. Du findest sie unter diesem Link. Dort erzähle ich auch über die beiden Fälle, die mich dazu gebracht haben, diesen Artikel zu verfassen.

Und wenn du wissen möchtest, wie sich die Anwendung von KI auf unser Gehirn auswirkt, kannst du gerne hier weiterlesen: KI als Turbo – Ist unser Gehirn dem gewachsen?

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Yvonne Lange

Mentoring, Training, Speaking

Hallo, ich bin Yvonne, Mentorin für mentale Balance und achtsame (Selbst)Führung.
Auf meinem Blog findest du lehrreiche Impulse zu mentaler Gesundheit aus Sicht westlicher Wissenschaft sowie östlicher Tradition. Ausserdem teile ich Links auf meine verschiedenen YouTube Videos, so dass du jederzeit von mir lernen oder auf der Matte mit mir Yoga, Meditation und Atemübungen praktizieren kannst.

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